EINSTEIN BOHR – EIN GESPRÄCH

EINSTEIN. Deine Quantentheorie ist Bullshit. Gott würfelt nicht.

BOHR. Seit wann weiß denn ausgerechnet der kleine Albert, was Gott tut?

EINSTEIN. Ich weiß nicht, was Gott tut. Aber ich weiß, was er nicht tut. Er würfelt nicht.

BOHR. Gut, er würfelt nicht. Aber er hustet.

EINSTEIN. Das ist schon eher möglich.

BOHR. Wenn es also möglich ist, dass Gott hustet, ist es auch möglich, dass Gott würfelt.

EINSTEIN. Nein. Das ist nicht möglich. Wäre es möglich, dann müsste Gott denken, wie Niels Bohr.

BOHR. Das wäre möglich.

EINSTEIN. Nein. Das wäre nicht möglich. Würde Gott so denken, wie Niels Bohr, hätte er die Welt, wie sie ist, nicht erschaffen können.

BOHR. Ach so, dann konnte Gott die Welt also nur erschaffen, weil er so dachte wie Albert Einstein?

EINSTEIN. Siehst Du, jetzt fängst Du an, die Sache zu begreifen.

Der Mann, der eigentlich gar nicht vorhanden ist

DER MANN, DER EIGENTLICH GAR NICHT VORHANDEN IST

Der Mann, der eigentlich gar nicht vorhanden ist, hat sich am Kopf gekratzt. Er ist zu früh erwacht, obwohl er zu spät zu Bett gegangen ist. Jetzt steht er auf und zieht sich an.

Schön, denkt er, wenn man nur nicht immer so alleine wäre. Schön, denkt er, dass ich die Arbeit habe.

Erst einmal Tee trinken. Er holt die Zeitung aus dem Briefkasten. Sie ist durchnäßt, aber lesbar. Er beginnt mit der letzen Seite und blättert nach vorn.

Sieh an, denkt der Mann, die Frau Banzhaf ist auch gestorben, die alte Ziege. Was gibt’s sonst? Er schlürft am Tee.

Die Welt ist grau. Eine Demonstration in Indien. Wen interessiert das? Religion im Sudan… wieso das? Die Schuhe bei Aldi schon wieder billiger. Verflixt, der Tee!

Er steht auf, wutentbrannt, und geht mit dem Messer auf den Brotlaib los, dem er ein kantiges Stück aus dem Leib schneidet. Dazu eine Menge Butter und zwanzig Kniebeugen.

Er schaltet das Fernsehen ein, er schaltet das Fernsehen aus. Er löscht das Licht und zieht den Rollladen hoch. Er lässt den Rollladen herab und macht das Licht wieder an. Eins, zwei, drei, zählt er, als er wie jeden Morgen die Rosen auf seiner Tapete studiert. Er gießt die Pflanzen.

Ich hätte die Friseuse heiraten sollen, wirft er sich vor. Die mit einundzwanzig schon Meister war. Jawohl. Er streichelt den Gummibaum. Er nässt seine Blättchen. Mit einem kleinen, goldfarbenen Plastikrechen pflügt er die Erde hin und her. Ach, ja. Er macht sein Bett. Er denkt sich: warm. Er wirft die Decke in die Höhe und macht das Bett nochmal. Na freilich, schön.

Zurück zum Tee. Zurück zum Morgenblatt. Zucht ist das zielgerichtete Verpaaren von einer Hündin mit einem Rüden oder die absichtliche Inkaufnahme des Verpaarens eines dieser Tiere. Ach, wie ist das alles schrecklich.

Jetzt die Mappe suchen. Verflixt, wo ist die Mappe wieder? Ach so, da, deididelbum. Die Brote hinein, eins, zwei in die Mappe. Die Thermoskanne. So, jetzt verschließen.

Jetzt der Anzug und die Schuhe. Nach Feierabend neue kaufen bei Aldi, 30 Mark. Die Mappe, denkt der Mann, der eigentlich gar nicht vorhanden ist, passt prima unter den Arm. Er verlässt das Haus.

Er kommt nicht weit, da fällt er über einen Dackel, der die morgendliche Stille beherrt durchkreuzt. Verschonung, ruft er aus, Verschonung! Das Herrchen an der Leine wundert sich sehr.

„Was machen sie denn hier schon so früh?“, kläfft der Mann, der eigentlich gar nicht vorhanden ist, den Hundehalter an. „Ich gehe mit dem Hund spazieren“, antwortet dieser. „Wissens“, fügt er noch hinzu, „ich bin seit kurzem erst in Rente und kann fast gar nicht schlafen. Und wohin sind sie so eilig unterwegs?“, fragt der Hundehalter dann den Mann, der eigentlich gar nicht vorhanden ist.

Zur Arbeit, antwortet dieser, zur Arbeit und zieht rasch davon.

Reine Verhandlungssache

REINE VERHANDLUNGSSACHE

Es ist ein kalter Morgen, als es beginnt. Das Gerichtsgebäude liegt grau zwischen ein paar vernarbten Bäumen.

Der Angeklagte wird von seinem Anwalt in die Kammer geführt. Er wirkt desorientiert. Seine Mutter und der Bruder mit seiner Frau nehmen neben dem schlecht rasierten und unausgeschlafenen Vertreter der lokalen Presse auf den schäbigen Zuschauerbänken Platz. Die Angehörigen des Opfers setzen sich daneben.

Alle starren stumm vor sich hin, bis auf den Bruder des Täters, der sich mannhaft erhebt vor dem ungewaschenen Subjekt von der Lokalpresse: „Was schreiben Sie denn da, Sie? Schreiben sie ja nix Falsches, sonst… sonst… haben sie  e i n e n  Abonnenten weniger, kapiert?!” Das Männchen von der Presse quittiert den Anwurf mit einem kaum merklichen Achselzucken und einem stolzen, gelangweilten Gähnen. Der Bruder setzt sich irritiert neben seine Frau, die ihm das Händchen hält und ihm „is ja gut, Josef” ins Ohr flüstert.

Die Vertretung der Nebenklage befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits in einem angeregten Gespräch mit dem dicklichen Staatsanwalt mit der geschwollenen Nase. Der hohlwangige Richter und seine zwei rotbärtigen Schöffen schleichen ebenfalls bereits um den eichenstarken Richtertisch. Alle Anwesenden springen plötzlich auf, als gelte es den Morgen zu grüßen.

Die Verhandlung nimmt ihren Lauf. Der Angeklagte, ein Mann von 60 Jahren, hat sichtlich schwer zu tragen an seinem über dem nervös hin- und herhupfenden Adamsapfel rot geschwollenen Kopf. Hätte Spitzweg das Elend selbst auf Leinwand bannen wollen, hier wäre es gewesen in seiner reinsten Natur.

Zum Fall: Der Angeklagte, beschäftigt als Knecht in der Landwirtschaft, wird beschuldigt, im letzten Sommer die achtjährige Nachbarstochter in eine Scheune gelockt und sexuelle Handlungen an ihr vorgenommen zu haben. „Eigentlich”, so der psychiatrische Sachverständige Prof. Dr. Dr. A., „hätte der Angeklagte nur ein bisschen spielen wollen. Zur eigentlichen Ausübung des Verkehrs sei es ja gar nicht gekommen. Auch habe der Angeklagte ausgesagt, in seinem ganzen Leben noch keinen sexuellen Verkehr gehabt zu haben.”

Der Angeklagte hat schwer zu schlucken. Er stammelt etwas vor sich hin. Er ist unfähig, eine Aussage zu machen.

Der Richter spricht: „Also, Herr Verteidiger, bei aller Liebe, so geht das nicht weiter. Ich verstehe ja kein Wort von dem, was ihr Mandant da von sich gibt. Hören Sie mal, können sie uns das nicht mal ein bisschen verdolmetschen, so dass es ein Mensch auch verstehen kann?”

Der Verteidiger versucht nun durchaus, seinen Mandanten an ihm wichtig erscheinenden Stellen zum Reden zu bringen. Ein Unterfangen, das ihn an die Grenze der Verzweiflung treibt. „Aber das müssen  S i e  doch sagen, nicht ich”, herrscht er seinen von den Ereignissen, die über hin hinwegrollen, sichtlich überforderten Mandanten an. „Jetzt sagen sie’s doch endlich, dass es ihnen leid tut, dass so etwas nie wieder vorkommen wird usw. usf., das haben wir doch extra so trainiert, das haben Sie doch so schön können!”

Der Verteidiger verstummt plötzlich. Die Vertreterin der Nebenklage verzieht ihr Gesicht, so dass ihr Make-up Falten schlägt. Der Staatsanwalt mit der geschwollenen Nase rettet schließlich die Situation. „Also, hohes Gericht, ich denke der Fall ist so und so klar. Wir können langsam zu einem Abschluss kommen.”

„Moment”, ruft da die Vertreterin der Nebenklage in den Raum. „Ich möchte dem Angeklagten doch noch eine Frage stellen und zwar: leben da Kinder, wo sie jetzt leben?”

Der Angeklagte schluckt. Sein Anwalt legt die Stirn in Runzeln.

„Ich warte auf eine Antwort ihres Mandanten, Herr Verteidiger!”

Der Angeklagte bleibt stumm. „Also, wirklich, meine Liebe, was hat denn das mit der Sachlage zu tun. Natürlich wohnen auch in der neuen Umgebung meines Mandanten Kinder. Sie werden es wahrscheinlich gar nicht für möglich halten, aber überall wohnen Kinder. Eine tolle Sache so viele Kinder, die überall wohnen. Haben sie da was dagegen?”

„Also, also”, räuspert sich der Richter und zwirbelt seinen Schnurrbart. „Ich darf die Beteiligten doch darauf aufmerksam machen, daß sie dabei sind, von der engen Straße unsres Themas… sozusagen doch allzu weit abzukommen… und ich darf Sie doch bitten, sich wieder zu beruhigen. Schließlich ist das hier nichts Persönliches, sondern eine reine Verhandlungssache. Also, meine Damen und Herrn, wenn denn nun alles vorgetragen zu sein beliebt, erkläre ich hiermit, dass sich das Gericht zur Urteilsfindung zurückzieht.”

Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Der Angeklagte, Knecht von Beruf, hat sich nie etwas zu schulden kommen lassen. Einmal ist ihm sozusagen mal was ausgerutscht. Wer hat da kein Verständnis. Der Angeklagte hat den Tatort, seine Heimat, verlassen müssen. Das allein ist schon Strafe genug. Im Folgenden halte ich daher eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten für angemessen. Die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt.

 

Kleinstein geht einkaufen

KLEINSTEIN GEHT EINKAUFEN

Kleinstein geht einkaufen. Der Kühlschrank ist noch voll, aber Kleinstein geht trotzdem einkaufen. Er muss.

Er durchschreitet den Markt mit sehr gemischten Gefühlen. Die Waren entfalten eine ungeheure Macht über Kleinstein, der hinter den Regalen wie in Deckung geht. Er blickt in ihre Schluchten.

Das Gefühl, das Meer der Waren könnte über ihm zusammenschlagen und ihn unter sich begraben, hat ihn ergriffen. Andächtig streichelt Kleinstein einen Plastikpack Weißbrot. Dann schleicht er sich in Richtung Wursttheke vor.

Unterwegs begegnet ihm eine Plastikkuh. Davor ein Kind mit seiner Mutter.

„Erstaunlich”, denkt Kleinstein. Die Kuh bewegt den Kopf in verneinender Gebärde, klappt ihre Augen auf und zu, wackelt mit dem Schwanz. Der Vorgang wiederholt sich endlos. Kleinstein kichert und nimmt den Schwanz der Kuh zur Hand. Ritsch-ratsch! Der Schwanz ist ab.

„Mama”, zupft das Kind seine Mutter am Rock, „der Mann hat den Schwanz von der Kuh gemacht!” Die Mutter verschwindet mit dem Kind auf dem Arm in der Flucht der Regale, während Kleinstein mit dem Schwanz der Kuh in der Hand eine Art Urzeittanz um die Gefriertheke vollführt.

In rasender Verzückung wirbelt er eine Milchtüte durch die Luft, wirft ein Viertel Butter an die Wand und versucht einen Joghurt mit dem Kuhschwanz durch den Raum zu schmettern. Die Musik zum Tanz kommt vom Endlosband.

Es sind zweifelsohne merkwürdige Gefühle, die Kleinstein beherrschen. Ein Stechen und Zwacken in Herz und Oberbauch, ein atemraubender Druck in der Brust. Ein markerschütternder gellender Schrei durchzuckt ihn, als er seinen Gefriertruhenwalzer plötzlich für beendet sieht.

„Was machen sie denn da”, ertönt die Stimme eines Mannes im weißen Kittel, „wohl verrückt geworden?!” Kleinstein lächelt. Dann fällt er wie ein Baum zu Boden. Die Kuh schüttelt den Kopf und klappt ihre Augen auf und zu. Mit dem Schwanz wackelt sie nicht mehr.

„Igitt, das ist ja furchtbar! Ich rufe einen Krankenwagen”, zischt der Mann im weißen Kittel und verschwindet. Kleinstein will noch einmal einen Schrei vollführen. Doch es gelingt ihm nicht.

Er beißt sich in die Zunge. Er liegt wie gelähmt, doch es tobt in ihm.

Sein Gesicht verfärbt sich in einen schauerlichen Blauton. Kleinstein gurgelt und röchelt, seine Augen stehn weit offen.

Mit Kleinstein geht es bergab: Es kommt zu rhythmischen, meist symmetrischen Zuckungen der Arme und Beine, aber auch einseitig, wobei Beugung und Streckung sich abwechseln. Kleinsteins Zunge schlägt wie ein Schneebesen Schaum aus seinem Mund. Dann liegt er endlos stumm.

Schließlich treffen die Retter ein mit einer Bahre. Kleinstein fühlt den Taumel rings um sich Aber er kratzt sich verwundert am Kopf. Kleinstein weiß von nichts.

Leubrecht hat ein nagelneues Handy

LEUBRECHT HAT EIN NAGELNEUES HANDY

Leubrecht sitzt auf dem Sofa, als die Frau ihren Koffer packt und verschwindet.

„Und bilde dir ja nicht ein, daß du das Kind bekommst, du Versager.”

Das hat schon seine Richtigkeit, denkt sich Leubrecht, als die Tür hinter ihr ins Schloß fällt. Ich würde auch nicht mit einem Versager zusammenbleiben wollen.

Nun allein würde er wohl viel Zeit zum Nachdenken finden. Aber das Nachdenken hatte ihm vorher schon nichts eingebracht. Leubrecht ist fett, und so fühlt er sich auch.

Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, in einen Sportverein einzutreten und es der Schlampe heimzuzahlen. Aber Leubrecht ist ein Mensch ohne Energie.

Die Frau dagegen ist ein schöner Mensch. Ihr Neuer nicht. Aber der hat einen Job, einen gut bezahlten. Leubrecht hat keinen. Er hat gekündigt.

Eines Abends hatte er plötzlich Magenschmerzen bekommen, bei dem Gedanken am nächsten Morgen wieder aufstehen zu müssen. Also blieb er liegen.

Nach drei Tagen wollte er sich etwas Besseres einfallen lassen. Er schrieb einen Brief. Er hatte noch nie einen Brief geschrieben. Er schrieb, er sei elendlich krank – und strich alles wieder durch. Dann wieder schrieb er: das Wetter ist schön und ich fühle mich scheiße, und malte eine Wolke darüber mit einer Sonne, die nicht als solche zu erkennen war. Er zerknüllte das Papier und begann von neuem: IHR KÖNNT MICH ALLE MAL AM ARSCH LECKEN. ICH KANN NICHT MEHR.

Er hatte einen Verwaltungsjob gehabt, bei dem viel Sitzfleisch gefragt war. Am Anfang hatte er eine ordentliche Lehre begonnen als Installateur für Heizung und Sanitär, oder als In-der-Scheiße-Rührer, wie er seinen Job nannte.

Der Meister fand denn auch schnell, daß dieser Leubrecht das Schaffen nicht erfunden habe, und versuchte ihn bereits nach der Zwischenprüfung los zu werden. Was gerade noch einmal abgewehrt werden konnte, da Liesl Leubrecht, an Fett und Durchsetzungskraft ihrem Sprössling bei weitem überlegen, dem Meister ordentlich den Marsch geblasen hat, wie sie sich ausgedrückt hat. Jedenfalls konnte Leubrecht junior seine Lehre als Installateur mit einem Genügend beenden.

Ordentlich die Schnauze voll hatte Leubrecht jetzt vom dem ganzen Gearbeite. Die weite Welt wollte er sehen, keine Scheißhäuser mehr berühren. Dem alten Sprichwort jedoch zufolge, nach dem wer viel frisst, auch dementsprechend viel ausscheidet, verbrachte er einen nicht unerheblichen Teil des Tages an eben diesem Ort.

Genug. Leubrecht fuhr jetzt durch die Welt. Matratzen und Bettwäsche, Federreinigung, Sofortservice. Irgendwie hatte es ihn doch zum Dreck der anderen zurückgezogen. Aber wenigstens kam er jetzt über die Dörfer.

Nicht lange und Leubrecht wollte nicht mehr. Die Einsamkeit drückte auf sein trauriges Herz. Eine Frau musste es sein, diese, genau diese, warum eigentlich nicht jene?

Allerdings war die Auserwählte vom Beruf ihres kugelrunden Männchens zunächst wenig begeistert gewesen. So kam es, dass aus dem fahrenden Wäscher schließlich ein sitzender Beamter geworden war.

Nun hatte der Staat seine schützenden Hände über ihn gebreitet. Und Leubrecht war für Augenblicke glücklich, nicht zuletzt wegen dem geregelten Gehalt. „Junge”, sagte Liesl zu Leubrecht, „das ist eine Lebensstellung, verbock diesmal nix! Sei froh, daß du überhaupt so eine dumme Nuss gefunden hast, die sich mit so einem nichtsnutzigem Habenichts vermählen will. Und mach ihr ja keine Kinder, das gäbe ja eine schöne Brut!”

So herzlich die Ratschläge der gütigen Mutter auch gemeint sein mochten, sie waren umsonst. Das neue Erdenleben machte sich bereits sichtlich bemerkbar. An einem kalten Morgen wurde es in die Welt hinausgebracht.

Leubrecht grübelte und grübelte. Sein Daseinszweck, Mann einer Frau zu sein, war weggefallen. Sein weiterer Daseinszweck, Vater eines gleichmütig gezeugten Kindes zu sein, ist mit ihr zur Tür hinausgegangen. Blieben nur die 125 Kilogramm Lebendmasse Leubrecht übrig, die sich traurig auf dem Sofa wälzten.

Leubrecht machte einige denkerische Exkursionen, wie alles so gekommen ist, wie es gekommen war. Kam aber auf keinen grünen Zweig.

Unterbrochen wurde der Exkurs durch ein herrisch anhaltendes Läuten.

Nein, auch das noch. Mutter Leubrecht stand in der Tür, schlang sich ihrem Fettkloß um den Hals und herzte ihn beträchtlich. Fett an Fett. Von hinten klopfte sie ihm mit ihrem Regenschirm auf den Rücken. „Ach, Junge, mach doch nicht so ein betrübtes Gesichtchen. Ich bin ja ganz froh, daß du die Schlampe losgeworden bist. Jetzt soll nichts mehr zwischen uns sein, mein Gutster.”

Leubrecht ließ alle Liebkosungen zwischen Tür und Angel über sich ergehen. Als ihm seine Mutter auch noch zwischen die Beine fasste und ausrief: „Das gehört sowieso alles mir, mein Junge, habe ich nämlich alles auf die Welt jebracht, jawohl!”, kam ihm die Sache doch insoweit unerträglich vor, daß er seine Mutter an sich vorbei in die Wohnung stieß.

„Hörst du, wenn ich dich mal besuchen komme, will ich nicht wie der letzte Dreck behandelt werden. Merk dir das, ich bin deine Mutter!”

Und während seine Mutter anfing, in der Küche ihren mitgebrachten Kaffee zu kochen, saß Leubrecht wieder einmal auf seinem Sofa, in sich zusammengefallen, den schweren Kopf in die langsam einschlafenden Hände gestützt und überlegte einmal mehr, wie die Übermacht der Frauen auf der Welt zu brechen sei.

Wenn wir sie einfach totschlagen würden, alle miteinander. Ja, wenn jeder mit seiner eigenen Frau anfangen würde, wären wir vielleicht an einem Nachmittag erlöst. Dann würde die Welt allmählich überhaupt aufhören… Habichtartig kreisten die Gedanken, indes der Kaffee in der Küche dampfte.

Leubrecht hat ein nagelneues Handy. Aber niemand ruft ihn an.

Etwas war anders

ETWAS WAR ANDERS

Seit drei Wochen war alles anders. Ein kleines Stückchen Papier und die allgemeine wirtschaftliche Lage hatten sein Leben verändert.

Gewiss waren schon im vorhinein Anzeichen des drohenden Niedergangs zu vermerken gewesen, und jetzt ist eben eingetreten, was ihm unaufhaltsam entgegenschritt, dennoch war er fassungslos und überrascht, weil er es sich nicht vorstellen konnte… nach knappen dreißig Jahren.

Ein Kind hatten sie großgezogen, vorheriges Jahr ging es außer Haus, aber jetzt war alles anders. Seine Frau wartete nach ihrer Halbtagesarbeit nicht mehr mit dem Mittagessen auf ihn – er wartete jetzt auf seine Frau. Jeden Tag nachdem er gegen viertel acht wach geworden war, fing er auf seine Frau zu warten an. Er wusste sich nicht zu beschäftigen, selbst für die Tageszeitung, welche er immer gerne in seiner Vesperpause gelesen hatte, fand er kein Interesse mehr, stattdessen streifte sein Blick unaufmerksam die Todesanzeigen.

Heute Abend würde er mit seinen Bekannten beim Kegelabend sitzen und mit ihnen über die Arbeit und andere Dinge plaudern, aber diesmal gab es nichts zu plaudern, nicht für ihn, das Geschehene war unaussprechlich. In den vergangenen Jahren war ihm diese allwöchentliche Zusammenkunft stets eine willkommene Abwechslung gewesen, diesmal wusste er nicht, wie er sich darauf freuen sollte.

Nein, unmöglich konnte er heute Abend dort erscheinen, wurden doch nur Arbeitsscheue arbeitslos, wie sollte er sich rechtfertigen vor dieser Schande, was könnte er schon erwarten außer etwas Mitleid von Leuten, die froh waren, daß es sie noch nicht erwischt hatte?

In seiner untätigen Verzweiflung kam er oft zu komischen Dingen, welche ihm früher fremd gewesen waren, wie aus dem Fenster zu starren und zu trinken, aber eine merkwürdige Gleichgültigkeit hatte ihn erfasst, welche es auch zuließ, daß er sich schon den dritten Tag nicht rasiert hatte. Er beschloss dies nachzuholen, nicht so sehr deshalb, weil er glaubte sich dann wohler zu fühlen oder um vor anderen zu gefallen, sondern weil er anfing, seine unbegreifliche Untätigkeit nicht mehr zu ertragen. Er stand schon vor dem Spiegel, den Apparat in der Hand, als ein bitteres Weinen aus ihm brach, welches ihn zwang, sein Vorhaben abzubrechen, was würde nur seine Frau dazu sagen, wenn sie ihn so sehen würde, was seine Kollegen, nein, das war unbegreiflich.

Er lief in die Küche und trank einen Magenbitter, das hatte er sonst nur getan, wenn ihm schlecht gewesen ist, als er zu fettig gegessen hatte, schon gar nicht wäre er jemals  morgens in die Versuchung kommen, Schnaps zu trinken, wie wäre er auch dazu gekommen, zu dieser Zeit arbeitete ja jeder normale Mensch und fände gar nicht die nötige Zeit für solches Tun, aber heute war es anders.

„Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau“, klick, nein das wäre zuviel für heute, er hatte genug von der allgemeinen wirtschaftlichen Lage, was draußen vor sich ging, fing an, ihn nicht mehr zu berühren. Er gewann Abstand von diesen Dingen und wollte nichts mehr wissen, er wollte in Ruhe gelassen werden mit sterbenden Kindern, verfallenden Städten, mit Terror und Krieg darinnen. Er hatte seine eigenen Probleme und diese begannen größer zu werden, auch gesellten sich zu den ihm schon vertrauten neue hinzu, so etwa jenes, dies alles nicht mit seiner Frau besprechen zu können.

Seit es geschehen war, konnte er ihr nicht mehr in die Augen sehen. Versuche ihrerseits, sich tief sorgend nach seinem Befinden zu erkunden und Zugang zu finden, verebbten in einer Welle aufschäumender Aggression. Sie hatte ihn seitdem er das letzte Mal eifersüchtig gewesen war, und das war schon vor Jahren gewesen, nicht mehr in solch einer Gemütsverfassung erlebt und hoffte, daß sich die Sache, wie damals schon wieder legen würde, aber alle Anzeichen standen dafür, dass es diesmal länger dauern würde.

In zehn Minuten würde sie von der Arbeit nach Hause kommen und das Essen stand immer noch nicht auf dem Tisch, er kochte sowieso miserabel, wozu sollte er auch kochen gelernt haben? Auch das Geschirr von gestern Abend hatte er nicht abgewaschen.

„Hallo!“, ertönte eine weibliche Stimme durch den Flur, „Wo bist du?“ – sie stand in der Küche. „Verdammt, was ist denn los mit dir?!“ Er schwieg. „Du hast doch nicht etwa schon wieder getrunken“ – sie griff nach der Flasche – „so wie gestern und vorgestern und vorvorgestern…?“

Er wusste, dass dies nicht zu leugnen war, Alkoholgeruch durchdrang die ganze Wohnung, aber heute hatte er mehr getrunken als gestern und vorgestern und… vielleicht hatte er heute allein so viel getrunken…

„Glaubst du damit deine, unsere Probleme lösen zu können? Warum lässt du dich zum Narren machen, du kannst ja doch nichts daran ändern, schau mal, wie es hier aussieht!“ Die Frau schluchzte.

Er kannte die Worte, es waren dieselben wie gestern, vorgestern und… auch ihm standen Tränen im Gesicht, so weit war es also schon mit ihm gekommen…

Er hob mit der Linken ihr Kinn etwas an, strich zärtlich über ihre Wange und sagte etwas lallend, aber gut zu verstehen: „Bin ich schon nichts mehr, bin ich doch wenigstens betrunken.“

Er ging aus dem Raum und lief auf die Straße, wohl wissentlich, daß sie ihn nicht verstehen konnte. Sie blieb zurück und weinte.

Die Sage von Burg Siechenstein

DIE SAGE VON BURG SIECHENSTEIN

Tief ausgeschürft sind wir von der Plage unseres alltäglichen Daseins, das sich in der Fron einer technisierten Welt atomisiert hat. Ich denke die meisten Menschen stimmen heute mit mir überein, daß die Tätigkeit, mit der sie ihren Tag anzufüllen bestrebt sind, wenig nur über ihre eigentliche Persönlichkeit offenbart. Der Beruf, so hört man oft, sage doch nichts über den Menschen.

So denke man sich also den Zahnarzt bei der nächsten Wurzelbehandlung ruhig als Schlangenbeschwörer, den Zinsverwalter auf der Bank als Rutengänger im heimischen Garten und die höfliche Politesse, die man gerade noch den Strafzettel an die Windschutzscheibe des mühsam abbezahlten Wagens heften sieht, als Sammlerin seltsamer Gesteinsformen.

Wenn auch meine Freizeitbeschäftigung nicht ganz nach den drei genannten Beispielen geartet sein mag, so hat sie doch manche Verwandtschaft damit. Sie beschränkt sich auf den Sonntagnachmittag, wo ich mich mit einer Reihe illustrer Gestalten im Hause dessen versammle, der einen Billardtisch und eine gut ausgestattete Getränkebar besitzt. Das Spiel selbst ist jedoch nicht der eigentliche Grund unserer Zusammenkunft, wir üben uns vielmehr in der alten Mode der Konversation.

Zugegeben, am Anfang ist das immer ein recht durcheinandergehendes Geplapper, das sich über Gott und die Welt ergeht. Ich finde, mit dem Billardqueue in der Hand philosophiert es sich auch schlecht. Aber das hat auch sein Glückliches, die Worte bleiben an der Oberfläche, boxen aneinander, zersprengen sich bunt in alle Richtungen. Die geistigen Getränke tun ein Übriges und bald findet sich die kleine Gesellschaft in einer gehobenen Spiellaune. Dann wird es Zeit für den Mann mit dem Auftrag der Woche, die Glocke zu läuten. Das Zeichen für die muntren Spieler, sich – ein Getränk in der Hand – in die weichen Sessel fallen zu lassen.

„Tja, meine Freunde“, begann dann am letzten Sonntagnachmittag der Auserwählte seinen Vortrag, „nachdem wir es in der letzten Woche mit den seltsamen Freizeitbeschäftigungen unserer lieben Mitbürger zu tun hatten, will ich den Blick dieses Mal auf die Geschicke der Vergangenheit richten. Viel zu sehr geht in der hektischen Betriebsamkeit unserer Tage, gegen die wir diese kleine Nachmittagsgesellschaft ins Leben gerufen haben, die Pflege des Brauchtums verloren.“

An dieser Stelle gab es ein kleines Raunen im Zimmer. Denn jeder der Mitglieder besitzt seine erzählerischen Eigenarten, und die Gesellschafter rechneten schon in etwa damit, was ihnen nun blühen werde.

Der Auserwählte fuhr also fort: „Zu diesem Zwecke wälzte ich in der vergangenen Woche einige sehr interessante, verstaubte Bücher in der Bibliothek und bin bei dieser Tätigkeit auf ein Werk mit Sagen und Legenden gestoßen, die irgendein Schreinermeister im letzten Jahrhundert als eine kleine handliche Broschüre – ja, heute würden wir sagen, auf den Markt gebracht hat, nicht wahr, liebe Freunde?

Die Besonderheit der kleinen, verstaubten Schrift ist nun, daß es sich dabei um heute längst vergessene Sagen und Legenden unserer Region, ja unserer kleinen Stadt handelt. Wenngleich ich glaube, daß es ganz bedeutungslos ist, wann und wo diese alten Geschichten nun ihren Aufführungsort hatten, dieser Umstand war es jedenfalls, der mein Interesse entfesselte.

Unweit des alten Klosters, hoch über unserem Ort, erhebt sich der Siechenstein, ein senkrecht aufsteigender Felskoloss. Wie ihr alle wisst, stand in mittelalterlicher Zeit dort oben eine Burg, von der wir heute nur noch deren Reste sehen können. Darüber hinaus dürfte euch bekannt sein, daß das Geschlecht derer von Siechenstein ein nicht unbedingt edelmütiges war, um das Wenigste zu sagen. Als Raubritter durchzogen sie die Lande und hatten ihren Schlupfwinkel auf der Burg, die unter den damaligen Gegebenheiten als uneinnehmbar galt.“

„Uneinnehmbar ist gut“, meldete sich einer der Zuhörer zu Wort, nachdem er einen tiefen Zug an seiner Zigarre getan hat, „schließlich ist die Burg bis auf ihre Grundmauern zerstört worden.“

„Nun, habe Geduld“, fuhr der Vortragende fort, „eben jene Geschichte des Untergangs der Burg Siechenstein will ich euch heute erzählen.

Die von Siechenstein galten zu ihrer Zeit als die Geißel der Bauern und der Schrecken aller fahrenden Leute, die das Tal passieren mussten, über dem sich der Siechenstein wie ein drohender Finger erhebt.

Am schlimmsten trieb es der Hausherr selbst, Adalbert von Siechenstein, an dessen Schwertknauf, wie erzählt wird, sich so manche Kerbe für einen Erschlagenen fand.“

„Donnerwetter“, warf ein anderer Zuhörer ein, „das ist aber eine eigenartige Weise, sich seiner Erfolge zu vergewissern.“

„Eine reichlich komische Art der Tagebuchführung“, erlaubte ich mir zu bemerken, nicht ohne es sogleich zu bereuen, denn mir war klar, welche Maßregelung nun folgen würde.

„Liebe Schwatzbasen“, fuhr der Vortragende denn auch fort, „wenn ihr so weitermacht und mir immer dazwischenplappert sitzen wir Morgen früh noch da, also bremst euren Mitteilungseifer ein wenig. Hatten wir nicht einmal ausgemacht, daß im Vorfeld so viel gesprochen werden darf, wie jeder einzelne will, daß aber beim Vortrag selbst Stille zu herrschen habe? Das ist, wie ich sagen will, eine sehr gute Regelung, gegen die nicht verstoßen werden sollte. Wenn das jetzt geklärt ist, möchte ich mit der Geschichte, die ich heute zu erzählen habe, fortfahren und, so Gott will, heute noch zu einem Abschluss kommen.“

Der Vortragende blickte mit sichtlichem Genuss auf die betretenen Minen, doch dann runzelte sich der Zweifel auf seiner Stirn: „Wo war ich eigentlich stehen geblieben? Untersteht euch ja, den Schnabel noch einmal aufzumachen, wartet nur, ich komme ja gleich selber drauf!

Ach ja, Ritter Adalbert von Siechenstein, der Hausherr selbst, das war der schlimmste von allen. Wenn es gerade nichts zu räubern gab, setzte er sich auf sein Pferd, einen edelblütigen Rappen, und ritt den Bauern durch die Saaten oder machte sich einen Jux daraus mit seinem Schwert vom Pferd herab das reife Korn zu köpfen. Und wenn sich so ein Bäuerlein dem edlen Ritter entgegenstellte und um Verschonung bettelte, so schlug er ihm hohnlachend die Pferdepeitsche ins Gesicht. In der alten Chronik des Schreinermeisters, die ich zum Zwecke des heutigen Abends studierte, ist über Ritter Adalbert zu lesen: Er scheute sich nicht vor Gott und fürchtete keinen Menschen, fürwahr eine treffliche Beschreibung.

Sein Burgverlies war stets gut gefüllt mit Gefangenen, die er auf der Straße aufgegriffen und auf die Burg verschleppt hatte, um ein ordentliches Lösegeld zu erpressen. War ihm ein besonders guter Fang gelungen, dann saß er Tag und Nacht mit seinen Gesellen bei Trunk und Spiel, und ihr rohes Lachen, Fluchen und Toben erfüllte die ganze Burg.

Es begab sich nun, daß bei Adalbert von Siechensteins geliebtem einzigen Kinde, seiner Tochter Kunigunde, der Apfel sehr weit vom Stamm gefallen war. Die hübsche Tochter hatte die Zartheit und Frömmigkeit ihrer Mutter bekommen und war dem wüsten Treiben des Vaters gänzlich abhold. Wenn dieser mit seinen Gesellen zu seinen Raubzügen aufbrach, erschütterte dies jedes Mal das gütige Herz der Tochter, und mit einem Korb voller Gaben stieg sie ins Tal hinab und beschenkte die Armen und umsorgte die Kranken mit Trost und Medizin. Auch den Gefangenen auf der Burg war sie ein milder Engel und suchte, wo immer sie konnte, ihr hartes Los zu mildern.

Eines Tages, als ihr Vater wieder einmal auf Raubzug war, führte sie einen Greis, der im dunklen Burgverlies krank geworden war, herauf an die Sonne und setzte ihn am Burgbrunnen im Hof unter den Schatten einer Linde.

Es tat ihr wohl, als sie sah, wie der Greis unter dem Licht der Sonne einen wohligen Seufzer von sich gab, und als sie ihm eben einen Becher mit stärkendem Wein einschenken wollte, geschah es, daß Ritter Adalbert mit seinen Gesellen durch das Tor der Burg hereingesprengt kam.

Sein Antlitz war von Zorn und Wein gerötet, denn die Geiselnahme, die er geplant, war an diesem Tag misslungen. Als er den Gefangenen im Hof sah und seine Tochter bei ihm, schäumte er vor Wut.

Er stieg vom Pferd, riss das Schwert aus der Scheide und stürzte mit der Klinge auf den Gefangenen zu, seinen Zorn an ihm zu kühlen.

Kunigunde warf sich dem Vater flehend entgegen, doch dieser stieß sie zur Seite. Mit einem großen Aufschrei stürzte das Mädchen sich auf den Gefangenen, um ihn vor der Klinge ihres Vaters zu beschützen. Im gleichen Moment hub die Klinge in Kunigundes Körper und verwundete sie tödlich.

Wie vom Blitz erschlagen, stand Ritter Adalbert vor der Leiche seiner gemordeten Tochter, die in ihrer prächtigen Schönheit nun in seinem eigenen Blut auf dem Boden des Burghofs lag. Der Greis kniete sich vor Kunigunde hin und stieß zum Himmel aus: Verruchter Mörder, verflucht seist du mit deiner ganzen Sippe! Da erwachte Ritter Adalbert aus seiner Betäubung und hub das Schwert gegen den Greis und bohrte es mitten in sein Herz. Am Boden konnte man sehen, wie sich die beiden Blutlachen zu einem Strom vereinten.

Von nun an, schreibt der Schreinermeister in seiner Chronik, lastete ein fürchterlicher Fluch auf Burg Siechenstein. Keiner ihrer Bewohner starb mehr eines natürlichen Todes.

Alles begann damit, daß Ritter Adalbert aus seinen Raubzügen mit immer weniger Beute heimkehrte und sich gramgebeugt ob des Verlustes seiner Tochter immer mehr dem Trunk ergab.

Einer seiner Gesellen ertrank beim Baden im Fluss, ein anderer kam auf der Jagd um, als ein irregeleiteter Pfeil seine Brust durchbohrte. Ein weiterer starb, als sich bei einem Raubzug der Überfallene mit einem Pistolenschuss zu Wehr setzte, der auch die übrigen Gesellen so sehr in Schreck versetzte, daß sie ohne Beute das Weite suchten. Denn Pistolen waren damals noch recht selten.

Ein Verhängnis schien auf der Burg zu lasten und Ritter Adalbert hatte nur noch eine Handvoll jener Getreuen um sich, die früher mit ihm durch Dick und Dünn gegangen waren. Viele flohen seine Nähe, um ihr Glück in anderen Teilen des Landes zu suchen. Und mehr und mehr ergab sich die übrig gebliebene Mannschaft auf Burg Siechenstein dem Trunk.

In einer jener gramerfüllten Nächte erschien Ritter Adalbert eine weibliche Gestalt, in der er schreckensbleich die Gestalt der geliebten Tochter erkannte. Im weißen Kleid und am Gürtel einen Bund Schlüssel tragend, ermahnte sie ihren Vater, an sein baldiges Ende zu denken.

Ritter Adalbert, dem einst weder Tod noch Teufel etwas anhaben konnten, war seit dieser Nacht nie mehr derselbe. Noch mehr als sonst, ergab er sich dem Trunk und zog sich in finstere Winkel der Burg zurück, um dort zu sinnieren. Auch die letzten seiner Getreuen überließen ihn seinem Schicksal, so dass er nachts einsam und schlaflos durch die fahlen Gänge irrte.

Eines Morgens fand man seinen zerschmetterten Körper am Fuß des Felsens. Ob sich der gramgebeugte Mann von der Burg in den Abgrund gestürzt hat oder ob er im Trunk einen Fehltritt getan, konnte nie mehr festgestellt werden. Er wurde außerhalb der Burg auf dem Felsen begraben. Über seinem Grab wurde das Wappen derer von Siechenstein zerbrochen als ein Zeichen dafür, daß mit Ritter Adalbert das Geschlecht zu Ende gegangen war.

Wenig später schleifte die nachbarliche Grafschaft derer von Helfenstein die Burg, um dem grassierenden Aberglauben im Volk Herr zu werden. Aber die Sage von Ritter Adalberts Tochter Kunigunde und ihrem nächtlichen Erscheinen, war bereits unaustilgbar in ihm verankert.“

Steinernes Kreuz

STEINERNES KREUZ

Tief in einem Wald beim württembergischen Ort K. findet man auch heute noch am Wegesrand ein verfallenes steinernes Kreuz, auf dem der Name des einstigen Försters S. kaum mehr zu lesen ist. Im Oktober des Jahres 18** war der verdiente Amtmann einer Bande von Wilderen auf der Spur, die schon seit längerem ihr Unwesen in den umliegenden Wäldern trieb.

Der Umstand, daß die Jagd zu jener Zeit noch immer ein königliches Vorrecht gewesen ist, veranlasste viele verwegene und übermütige Burschen bei Dunkelheit und Morgengrauen mit der Büchse in der Hand auf die Pirsch zu gehen. Legendenbildner und Balladendichter machten später aus diesen Stoffen heldenmütige Verklärungen von der Rebellion gegen die Obrigkeit.

Der eigentliche Grund, warum diese Männer aus dem Volk zur Unzeit durch die Wälder schlichen, ist aber in ihren leeren Mägen zu finden. Für sie war es die einzige Möglichkeit, an das begehrte Fleisch heranzukommen, das sich ansonsten nur die Ausgesuchten schmecken ließen. Für die ortsansässigen Bauern war der Grund noch einfacher. Der Wildbestand ließ sich durch die wenigen Jagden, die Fürsten und Herzöge zu ihrer Lustbarkeit veranstalteten, nicht unter Kontrolle halten. So griffen die Bauern zur Büchse, um ihre Saaten zu schützen.

Obwohl die Wilddieberei eine lange Vorgeschichte hat, die so lang ist wie die Herrschaft der Oberen über die Unteren selbst, kulminierten die Todesfälle im neunzehnten Jahrhundert. So ist das Land übersät mit Gedenksteinen aus dieser Zeit, die von blutigen Begegnungen der Wilderer mit den Forstleuten zeugen, die von ihren jeweiligen Herren strikt dazu angehalten wurden, der grassierenden Wilderei Einhalt zu gebieten. Immer schärfer wurden die Auseinandersetzungen in den Wäldern. Die vielen Todesfälle zeugen jedoch nicht so sehr von einer Zunahme der Wilderei, als vielmehr von den technischen Verbesserungen der Büchsen, die immer treffsicherer wurden.

In jenem Herbst legte sich der Förster S. in jeder Nacht auf die Lauer der Wilddiebe, pirschte durch das Unterholz, lauschte nach verdächtigen Geräuschen. Seit Monaten war er den Wilderen bereits auf der Spur. Doch mehr als die blutigen Reste ausgeweideter Tiere, waren dem Förster bislang nicht zu Gesicht gekommen.

An einem Sonntagabend, nachdem er das bevorzugte Jagdgebiet der Wilderer immer weiter eingekreist hatte, überraschte er mit vorgehaltenem Gewehr drei Männer, die sich an einem frisch geschossenen Hirsch zu schaffen machten. Ohne Widerstand zu leisten hoben die drei ihre Hände und wurden von S. gegen das Dorf geführt.

Mürrisch und mit dessen wachsamen Blick in ihrem Nacken, schritten die drei Gefangenen vor der Büchse des Förster her. Sich mit dem näherkommenden Dorf ihrer beengenden Lage immer bewusster werdend, ergriff einer der Männer einen am Wegrand liegenden Ast, drehte sich blitzschnell um und warf diesen in Richtung des Försters. Ein anderer stürzte auf den Mann zu, entriss ihm das Gewehr und schlug ihn mit dem Kolben ins Gesicht. Der Hund des Försters schlug an und bekam ebenfalls ein Schlag mit dem Kolben ab, er verschwand jaulend im Unterholz. Zu dritt schlugen die Männer schließlich auf den am Boden Liegenden ein. Sicher seines Todes, verlosten sie untereinander seine Besitztümer, die Jagdtasche, das Gewehr und seine Uhr.

Als der Förster benommen und schwer verletzt zu sich kam, war bereits tiefe Nacht über das Waldstück hereingebrochen. Auf allen Vieren schleppte sich der Verwundete in Richtung des Dorfes K. Hoffnung ergriff ihn, als er in der Ferne den Lichtschein einer Laterne sah. Erschöpft blieb er liegen und gab Laut. Als er den Lichtschein immer näher kommen sah, glaubte er sich der Rettung nahe.

Doch wer da des Nachts mit einer Laterne durch den Wald ging, war einer der Wilderer, den die Unruhe aus dem Bett gezerrt und zurück an den Ort seiner ruchlosen Tat getrieben hatte. Als er den Förster entdeckte, schlug er ihm mit einem Knüppel so lange auf den Schädel bis dieser endgültig zu atmen aufgehört hatte. Dann trug er die Leiche auf seinen Schultern ein Stück weiter in den Wald hinein, um ihn an einer uneinsehbaren Stelle notdürftig zu verscharren und mit Ästen und Laub zu bedecken.

Als am nächsten Morgen zwei Forstgehilfen und der Dorfarzt sich aufmachten, den Vermissten zu suchen, fanden sie zunächst nichts. Erst nach mehrstündiger Suche, begegnete ihnen ein winselnder Hund, der sie schließlich zu jener Stelle führte, an dem die Leiche des Försters lag. Für den Arzt blieb nichts mehr zu tun, als sich des verletzen Tieres anzunehmen. Er nahm es mit nach Hause und pflegte den Hund, der alsbald ein treuer Begleiter seines neuen Herrn wurde, gesund.

Bald darauf wurde im Dorf ein Handwerksbursche verhaftet, den man mit einem Beutel aufgegriffen hatte, den man dem Besitz des Försters zurechnete. Der Mann wurde peinlichen Verhören unterzogen, doch der gegen ihn erhobene Verdacht erhärtete sich nicht. So blieb die Tat lange Zeit ungesühnt.

 

Erst Jahre später wurde der Dorfarzt an ein Sterbebett gerufen. Im Zimmer des Schwerkranken schlug der Hund sofort ein lautes Gebell an und war auch durch keinerlei Beruhigung und Zusprechen mehr davon abzubringen. Als der Arzt in das todesbleiche Antlitz des Kranken blickte, war beiden bewusst, worum es sich handelte. Der Hund hatte einen der Mörder des Försters entdeckt. In letzter Stunde legte der Sterbende im Beisein des Pfarrers ein Geständnis ab und gab auch die Namen seiner Mittäter preis.

Die beiden wurden alsbald verhaftet. Einer entzog sich dem Gericht, indem er sich in seiner Zelle erhängte. Der andere wurde mit einer hohen Zuchthausstrafe belegt. Die Familien der Wilderer verschwanden vom Ort, um sich dem Spottgeläut und Rachedurst zu entziehen. Insbesondere von den beiden Kindern des einzig Verurteilten, die irrsinnig geboren worden waren, sprach man im Dorf und der Umgebung als einer gerechten Strafe Gottes, die die Familie ereilt habe. An der Stelle, an der der Förster ermordet wurde, ließ dessen Familie ein steinernes Kreuz errichten.

Lebenstraum

LEBENSTRAUM                                                                    

Es treten auf: die Angeklagte, der Verteidiger, zwei Schöffen, der Staatsanwalt, Zuschauer. Die Angeklagte macht einen deprimierten Eindruck. Die Zuschauer erheben sich.

Die Angeklagte wird beschuldigt der Veruntreuung öffentlicher Gelder in Höhe von 275.000 DM. Als Beamtin des Landratsamtes in H. soll sie durch das Erfinden sogenannter Mündelkonten, Geld in ihre eigene Tasche gewirtschaftet haben.

Unter normalen Umständen tritt die Verwaltungsabteilung Versorgungswesen als Mittler zwischen den Unterhaltszahlungspflichtigen und den Empfängern auf. Der Angeklagten soll es gelungen sein, sich in diesen Kreislauf einzuschalten und Kontobewegungen zu ihren Gunsten ausgeführt zu haben.

Als erster Zeuge tritt auf der zuständige Kriminalkommissar. Zur Sache befragt, gibt er an: Die Angeklagte habe sich nach ihrer Verhaftung äußerst kooperativ gezeigt. Sie habe entscheidend daran mitgewirkt, die Tat zu erhellen. Niemand ihrer Vorgesetzten oder Kollegen hätte sich nach dem Bekanntwerden der Tat vorstellen können, wie diese überhaupt verlaufen sei. Nur durch die Mithilfe der Angeklagten selbst sei es gelungen, vollständig Licht in den Vorgang zu bringen.

Als nächster Zeuge tritt auf der Vorgesetzte der Angeklagten. Zur Sache befragt, gibt er an: Aus allen Wolken sei er gefallen, als er von der Kriminalpolizei mit dem Vorfall konfrontiert worden sei. Bis heute habe er Schwierigkeiten sich vorzustellen, wie in seiner Abteilung etwas Derartiges habe geschehen können. Ausdrücklich wies der Vorgesetzte darauf hin, daß dies eigentlich gar nicht möglich gewesen sein könne. Denn nur das Geld, das vorher eingenommen würde, könne auch ausgegeben werden. Eine Lücke in diesem Kreislauf und vor allem in dieser Dimension würde einem Kontrollmechanismus sofort auffallen. Auch kämen unabhängig von seiner eigenen Kontrolltätigkeit einmal im Monat Kontrollrückläufe der vorgesetzten Behörde in U. Es sei schlichtweg nicht möglich, einen Betrug in dieser Schadenshöhe und in diesem jahrelangen Zeitraum zu bewerkstelligen, ohne einer der Kontrollstellen aufzufallen.

Auf die Frage des Verteidigers, wie etwas Unmögliches möglich gewesen sein solle, denn es sei ja doch geschehen – wobei der Verteidiger darauf hinwies, daß diese Frage nicht mit einem Vorwurf an den Vorgesetzten verbunden sei – antwortete dieser: das sei ihm völlig unerklärlich.

Zum Inhalt der Tat: Die Angeklagte hat von den von ihr erfundenen Konten der Unterhaltspflichtigen, Geld auf ihre privaten Konten umgeleitet. Der Vorgesetzte hatte die Aufgabe, die Angaben der Sekretärin auf einer Liste zu kontrollieren. Erst mit der Unterschrift des Vorgesetzten konnten die Zahlungen erfolgen, da der Sekretärin im finanziellen Bereich keinerlei Entscheidungsbefugnis zugestanden hat.

Auf die Frage des Verteidigers – wobei dieser wieder ausdrücklich darauf hinwies, daß seine Frage nur der Erhellung der Tatumstände dienlich sein solle und keineswegs mit einem Vorwurf verbunden sei – wie es denn möglich gewesen sein könne, daß ihm nicht aufgefallen sei, daß von zwanzig Namen auf der Liste die Hälfte erfunden gewesen seien, antwortete der inzwischen pensionierte Vorgesetzte wiederum: hierfür habe er auch keine Erklärung.

Zum Hintergrund der Tat: Die Angeklagte war als Chefsekretärin in der Abteilung Versorgungswesen tätig. In den 80er Jahren wurde in dieser Abteilung eine umfangreiche EDV-Anlage installiert, um das Bearbeitungswesen den technischen Erfordernissen der Zeit anzugleichen. Aus Bequemlichkeit blieb die Betreuung dieser Anlage weitgehend der Angeklagten überlassen, die diese Arbeit schließlich für die gesamte Abteilung miterledigte.

Die Angeklagte war die einzige Person in der Abteilung, die über das technische Wissen verfügte, diese Anlage adäquat bedienen zu können. In den 90er Jahren wurde die alte EDV-Anlage erneuert. Der Vorgang der 80er Jahre wiederholte sich. Wieder blieb die gesamte Einarbeitung des Systems der Angeklagten überlassen. Die Vorgesetzten verfügten schlichtweg nicht über die Fähigkeit, die Anlage entsprechend bedienen zu können.

Die gesamte Abteilung verließ sich auf die Fachkenntnisse der Sekretärin, obwohl diese Arbeiten weit über ihren Kompetenzbereich hinausgingen. Auf die Frage des Richters, warum man die Angeklagte nicht besser bezahlt habe, wo sie doch offensichtlich die Arbeit für die gesamte Abteilung miterledigt habe, antwortete der Vorgesetzte: dafür sei die Angeklagte nicht qualifiziert genug gewesen.

Die Angeklagte wies daraufhin, sie sei in dieser Abteilung jahrelang nur geschnitten worden und habe für die Herren Referatsleiter und ihren Vorgesetzten die gesamte Arbeit miterledigen müssen, da diese dazu nicht in der Lage gewesen seien. Ihrer Ansicht nach erhielten die Vorgesetzten Gehälter, die ihren Leistungen nicht entsprächen, während sie als Sekretärin gleichfalls ein Gehalt erhielt, das ihrer Tätigkeit nicht angemessen gewesen sei.

Eines Tages beschloss die Angeklagte, aus dem Umstand, daß sie die einzige gewesen ist, die sich mit den technischen Vorgängen in ihrer Abteilung auskannte, während ihre Vorgesetzten beschlossen hatten, auf eine Pension könne man auch Anspruch erheben, ohne sich mühselig in Neuerungen einarbeiten zu müssen, zumal wenn man dafür dienstbeflissene Untergebene zur Verfügung hat, einen Nutzen zu ziehen. Jahrelang fühlte sich die Angeklagte in ihrer Abteilung entsprechend ihrer eigentlichen Befähigung und Arbeitsleistung nicht wahrgenommen. Schließlich fällte sie den Entschluss, sich das ihrer Meinung nach zustehende zusätzliche Gehalt auf anderem Wege zu beschaffen.

Auftritt der Staatsanwalt: Aber für was habe denn die Angeklagte das durch ihre kriminellen Handlungen beschaffte Geld denn eigentlich gebraucht? Als alleinerziehende Mutter mit keinem Pfennig Unterhalt von ihrem Ex-Mann, habe sie als Sekretärin immerhin so viel verdient, um über die Runden zu kommen.

Wie im nachhinein polizeilich festgestellt worden sei, habe die Angeklagte das Geld sinn- und nutzlos für ihre Lebensträume ausgegeben, lauter Gegenstände, die die Welt nicht brauche, teure Kleider, die zum großen Teil ungeöffnet im Schrank gehangen, teure Schuhe, die ungetragen in der Kommode gestanden seien, einen Pelzmantel, ja du lieber Gott, zu was brauche eine solche Frau einen Pelzmantel!

Keinen Milderungsgrund könne die Staatsanwaltschaft etwa darin sehen, daß die Frau psychisch beeinträchtigt gewesen und in dieser Zeit einem Kaufzwang unterlegen sei. Im Gegenteil, die Tatsache, daß diese Frau nur nutzlose Gegenstände eingekauft habe, mit denen sie einem Lebenstraum nachgehangen sei, der sich spät, aber umso gewaltiger als Schaum erwiesen habe, bezeuge ihre besondere kriminelle Energie. Keineswegs habe die Frau die 275.000 DM beispielsweise gespart und angelegt für die Ausbildung ihrer beiden ohne Vater aufwachsenden Kinder.

Auch in der Tatsache, daß die Angeklagte als einzige ihrer Abteilung mit dem EDV-System umzugehen wusste und den Betrug ohne die jeweilige Abzeichnung ihres Vorgesetzten gar nicht hätte begehen können, bestehe durchaus kein Milderungsgrund. Im Gegenteil, es belege die besondere kriminelle Energie der Angeklagten, die, obwohl sie wusste, daß ihr Vorgesetzter nur unzureichendes Wissen über die ihm zur Unterzeichnung vorgelegten Dokumente gehabt hatte, diese ihm trotzdem vorgelegt habe. Die Unkenntnis des Vorgesetzten habe die Angeklagte schamlos für ihre kriminellen Zwecke ausgenutzt.

Die Veruntreuung selbst sei keineswegs als eine normale Veruntreuung zu betrachten. Die Angeklagte sei keineswegs Angestellte bei einem Unternehmen in der freien Wirtschaft gewesen, sondern bei einer Behörde, die naturgemäß im Brennpunkt des öffentlichen Interesses stünde. Mit ihren kriminellen Handlungen habe die Angeklagte das notwendige Vertrauen der Bevölkerung in eine staatliche Institution erschüttert und dem Ansehen der Behörde in der Öffentlichkeit einen irreversiblen Schaden zugefügt.

Mit ihrem kriminellen Tun habe die Angeklagte Schande nicht allein über die treu und redlich arbeitenden Menschen ihrer Abteilung selbst, sondern über den gesamtem Beamtenstand gebracht. Die Angeklagte müsse auch deshalb auf das schärfste bestraft werden, da von der Ahndung dieser kriminellen Vorgehensweise eine ausreichende Abschreckungswirkung ausgehen müsse. Allein die außergewöhnlich hohe Schadenssumme von 275.000 DM unterstreiche die hohe kriminelle Energie, die dieser verdammenswerten Tat zugrunde liege.

Im Namen des Volkes erging folgendes Urteil: es wurde eine Freiheitsstrafe verfügt in Höhe von zwei Jahren und acht Monaten, ohne Bewährung.

Der Wüterich

DER WÜTERICH – Szenen aus einem deutschen Gerichtssaal 

 

Dramatis personae:

Die Frau

Der Mann

Der Polizeibeamte

Die Angestellte

Der Psychiater

Der Wüterich

Das Gericht

 

I.

DIE FRAU: Er ist seit Jahren unser Nachbar. Er lebt sehr zurückgezogen. Wir bekommen ihn selten zu Gesicht. Wenn wir uns doch begegnen, im Treppenhaus oder im Flur, und ihn freundlich grüßen, grüßt er manchmal zurück und manchmal nicht, je nach seiner Laune. Ich habe noch nie erlebt, dass er Besuch gehabt hätte; außer von seiner Mutter, die regelmäßig vorbeikommt.

Vor ein paar Wochen stellte dieser Herr, angeblich auf der Suche nach seiner Brille, das ganze Haus auf den Kopf. Und brachte alle Bewohner gegen sich auf. Schließlich stellte er sich meinem Mann, als dieser gerade von der Arbeit nach Hause kam, im Flur entgegen und äußerte den Verdacht, unsere kleine Tochter hätte etwas mit dem Verschwinden seiner Brille zu tun. Er sagte, zuletzt habe er seine Brille im Garten gehabt, wo unsere Tochter immer spielt.

Als mir mein Mann von dieser Begegnung erzählte, kam mir die Sache gleich seltsam vor, schließlich befanden wir uns mitten im Winter. Und unsere Tochter war zum Spielen gar nicht draußen. Trotzdem nahm mein Mann die Kleine beiseite und fragte, ob sie etwas vom Verschwinden der Brille wisse, aber sie verneinte, sie wisse nichts von der Brille unseres Nachbarn.

Ich glaube meiner Tochter. Dem Nachbarn allerdings traue ich nicht mehr über den Weg. Er scheint immer seltsamer zu werden. Wir lassen unsere Tochter auch nicht mehr unbeaufsichtigt spielen, weil wir Angst haben, der Nachbar könnte ihr etwas antun. Und das alles wegen einer Brille, die er sonst wo verschlampt haben könnte!

DER MANN: Als ich von der Arbeit nach Hause gekommen bin, hat mich der Nachbar im Flur abgefangen. Zunächst gab er sich freundlich, beschuldigte aber meine Tochter sogleich, dass sie seine Brille weggenommen habe. Er habe bereits seine Wohnung, den Dachboden sowie den Keller durchsucht und nichts gefunden. Ich dachte mir gleich: Was für ein blödes Geschwätz! Wie sollte die Brille des Herrn auf den Dachboden kommen! Ich fragte ihn, wie er denn auf die Idee gekommen sei, unsere Tochter könne etwas mit dem Verschwinden seiner Brille zu tun haben.

Ja, erklärte er, er habe die Brille zuletzt auf der Terrasse im Garten gehabt, in jenem Garten also, wo auch unsere Tochter immer spielt. Und deshalb habe sie auch seine Brille, niemand anderes könne seine Brille haben, es könne gar nicht anders sein, er habe alle anderen Eventualitäten bereits überprüft und negativ beschieden.

Zwar wurde sein Geschwätz allmählich zum Geschrei, aber deswegen nicht unbedingt logischer. Seine Schlussfolgerung habe ich überhaupt nicht begriffen. Und das sagte ich ihm auch. Daraufhin änderte sich seine Gemütslage vollends. Mit rüdem Tonfall und erhobener Faust drohte er, das würde uns noch leid tun, wenn die Brille nicht umgehend auftauche, würde ein Unglück größten Ausmaßes geschehen und so weiter.

Er fluchte vor sich hin, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand in seiner Wohnung. Durch den Türspalt sah ich, dass seine Wohnung, die seine Mutter erst am vergangenen Wochenende aufgeräumt und desinfiziert hatte, sich bereits wieder in größter Unordnung befand, vermutlich weil er sie auf der Suche nach seiner Brille komplett auf den Kopf gestellt hat.

Ich wusste schon immer, dass unser Herr Nachbar nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Aber jetzt hat er eine neue Dimension erreicht. Von der Stunde an, als er seine Drohungen und Verwünschungen ausgestoßen hatte, ließen wir unsere Tochter nicht mehr aus den Augen. Ein paar Tage später gingen wir zur Polizei.

Die freundlichen Beamten, sagten, dass sie nichts machen könnten und rieten uns wachsam zu sein. Dabei ist es geblieben. Auch nachdem ich meiner Sorge Ausdruck gegeben hatte, dass dieser Herr ein Irrer sei, der demnächst explodieren wird.

Genauso ist es dann ja auch gekommen, keine vierundzwanzig Stunden später, nachdem wir bei der Polizei gewesen sind. Meine Frau saß mit meiner Tochter im Wohnzimmer, ich selbst befand mich im Badezimmer, als es heftig an der Türe klopfte. Ich wollte gerade die Türe aufmachen, da tat es einen gewaltigen Schlag gegen die Türe, dem immer stärker werdende Schläge folgten.

Ich schrie meine Frau an, sie solle verschwinden. Sie schnappte sich unsere Tochter und sprang durch die Balkontür ins Freie. Mir war gleich klar, wer da vor der Türe stand und mit irgendetwas auf sie einschlug, unser lieber Herr Nachbar, wieder einmal auf der Suche  nach seiner Brille. Ich wollte gerade meiner Frau hinterhergehen, als die Tür mit einem lauten Knall in den Flur fiel und mein Nachbar mit erhobener Axt vor mir stand. In Todesangst, ließ ich mich ins Badezimmer zurückfallen und verschloss die Türe.

Der Nachbar begann sofort damit, mit seiner Axt auf die Türe einzuschlagen. Ich machte das Fenster auf und sprang hinaus. Inzwischen hatten sich durch den Höllenlärm aufgeschreckt, schon mehrere Nachbarn vor dem Haus versammelt, inklusive eines zufällig anwesenden Arbeiters, der sich um die umliegenden Gärten kümmert und sich mit einer Mistgabel bewaffnet hatte.

Von draußen konnten wir hören, wie der Irre mit seiner Axt in unserer Wohnung wütete. Nachdem er die Badezimmertüre zertrümmert hatte, stellte er vermutlich immer noch auf der Suche nach seiner Brille, unsere ganze Wohnung auf den Kopf. Innerhalb von zehn Minuten richtete er ein unbeschreibliches Chaos an. Dabei hatten wir noch Glück, dass er sich in seiner Raserei darauf beschränkte alles zu durchwühlen und nicht alles kurz und klein zu schlagen.

Auf seinem Rückzug warf er schließlich noch das Kinderfahrrad, das vor der Wohnung abgestellt gewesen ist, im hohen Bogen in den Flur und zerdepperte mit seiner Axt alle Blumentöpfe, die sich in seiner  Reichweite befanden. Einige Pflanzen riss er auch nur aus den Töpfen und trampelte darauf herum, bis die Erde im gesamten Hausgang verteilt war.

Zu guter Letzt kehrte er noch einmal in unsere Wohnung zurück und verstreute die ausgerissenen Blumen, einschließlich des Blumenkohls, den ihm seine Mutter zwei Tage vor die Türe gestellt hatte, da er sie obwohl er zu Hause gewesen ist, nicht hereingelassen hat.

 

DER POLIZEIBEAMTE: Zehn Minuten nachdem der Notruf bei uns in der Polizeidienststelle eingegangen war, waren wir mit zwei Mann vor Ort. Vor dem Objekt war bereits ein ganzer Haufen Leute versammelt, die alle aufgeregt durcheinander schrien. Es ist zunächst einmal schwierig gewesen, überhaupt einen sachdienlichen Lagebericht zu bekommen. Es war die Rede davon, dass ein Wahnsinniger mit der Axt umherlaufe und wahllos auf alles einschlagen würde, was sich ihm in den Weg stelle.

Nach umfangreicher Kenntnisnahme der Schilderungen der Nachbarn entschieden wir uns erst einmal dazu, das Objekt nicht zu betreten. Und bis zum Eintreffen der Verstärkung den Vorder- und Hintereingang des Objekts besetzt zu halten, sodass der Mann eine Gelegenheit zur Flucht nicht bekommen sollte.

Nach wenigen Minuten war die angeforderte Verstärkung vor Ort. Das Objekt wurde umstellt. Ein Eingreiftrupp von sechs Mann machte sich bereit, das Haus zu stürmen. Den eingesetzten Beamten bot sich ein Bild der Verwüstung. Im gesamten Hausgang war überall Erde verteilt. Die ausgelegten Spuren führten direkt in die Wohnung des Mannes, der sich kurze Zeit später als der Betreffende herausgestellt hat.

Das ganze Objekt sah innerlich aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte. Die  Eingangstüre der gegenüberliegenden Wohnung war eingetreten worden. Die Badezimmertüre war nahezu vollständig zertrümmert. Überall lagen Gegenstände auf dem Boden herum.

Nachdem wir alle Räume in Augenschein genommen hatten, stellten wir fest, dass sich der Täter nicht mehr am Tatort befand. Also gingen wir zur Nachbarwohnung, zu der uns die Erdspuren führten und klopften an die Tür. Wir sagten laut und deutlich, dass wir von der Polizei kommen und dass der mutmaßliche Täter die Tür öffnen solle. Doch nichts geschah. Hinter der Tür blieb es stumm. Deshalb gab ich den Befehl, die Türe einzutreten, was auch geschah.

Wir stürmten in die Wohnung, durchsuchten alle Räume, die Badezimmertür fanden wir verschlossen vor. Jetzt wiederholte sich das Schauspiel. Wir klopften an, sagten wiederum laut und deutlich, dass wir von der Polizei kommen und dass der Mann nun die Tür öffnen solle. Doch erneut geschah nichts. Also gab ich den Befehl, die Tür zum Badezimmer ebenfalls einzutreten, was umgehend durchgeführt wurde.

Mit vorgehaltener Waffe gingen wir in den langen, schlauchförmigen Raum hinein. Der mutmaßliche Täter stand ganz hinten an der Wand. Seine Hände steckten in den Hosentaschen. Wir forderten ihn mehrfach auf, die Hände langsam aus den Hosentaschen zu nehmen. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir weder, wo er die Axt hatte, mit der er bewaffnet gewesen sein soll, noch welche Waffen er vielleicht in seinen Hosentaschen verbarg. Deshalb forderten wir ihn nochmals auf, die Hände langsam aus den Hosentaschen herauszunehmen. Als wiederum nichts geschah, setzten wir Tränengas ein.

Die engen Raumverhältnisse des Badezimmers führten umgehend dazu, dass allen sechs beteiligten Beamten die Augen tränten. Ich selbst musste mich später sogar übergeben. Einzig und allein auf die Zielperson machte das Spray überhaupt keine Wirkung. Im Gegenteil, wie von der Tarantel gestochen begann der Mann plötzlich wild um sich zu schlagen und ging zum Angriff über.

Zwei Beamte griffen sich die Zielperson links und rechts und zogen diese solcherhand aus dem Badezimmer heraus, wobei sie heftigen Widerstand leistete. Außerhalb des Badezimmers legte der Mann, der zunächst eher einen schmächtigen Eindruck gemacht  hatte, erst richtig los und schien Bärenkräfte zu entwickeln. Zu viert rangen wir ihn schließlich zu Boden. Einer kniete sich auf seinen Rücken, die anderen waren damit beschäftigt, Arme und Beine unter Kontrolle zu bringen. Im Leben hätten wir nicht vermutet, dass dieser ja schon etwas ältere Herr solche Kräfte entwickeln würde, und das nachdem bereits eine Ladung Tränengas auf ihn eingewirkt hatte. Am Boden liegend trat er noch immer nach allen Richtungen. Erst nach einigen Minuten verließen ihn doch die  Kräfte, und wir konnten ihn schließen, das heißt Hand- und Fußfesseln anlegen.

Da der Mann ganz offensichtlich nicht mehr ganz normal gewesen ist, wurde er im Anschluss nicht in Haft, sondern in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie verbracht. Hierbei erlebten wir eine weitere Überraschung. Offenbar war der Herr während der Fahrt in die Psychiatrie erneut zu Kräften gelangt. Es erforderte neuerlich sechs Mann, bis wir den Tobenden auf der Tragbahre festgeschnallt hatten. Noch während er in die Psychiatrie hineingeschoben wurde, trat er mehrfach mit dem Fuß nach einem Pfleger. Eine halbe Stunde später – die Aufnahmeformalitäten waren erledigt – sah ich den Mann zufällig in einem Zimmer liegen. Er war am Bett festgeschnallt und schien friedlich zu schlafen. Für uns war der Fall damit erledigt. Allerdings staunten wir gelinde gesagt nicht schlecht, als uns der Mann kaum vierzehn Tage später erneut beschäftigte.

 

II.

DIE ANGESTELLTE. Ich bin gelernte Krankenschwester, arbeite aber in den Räumlichkeiten der Krankenkasse als Bewerbungstrainerin. Die meisten meiner Kunden bekomme ich vom Arbeitsamt vermittelt, so auch Herrn W. An diesem Tag hatte Herr W. einen Termin bei mir und zwar um zehn Uhr. Zu diesem Zeitpunkt führte ich bereits das erste Kundengespräch des Tages mit der Frau S.

Der Herr W. klopfte kurz an und noch bevor ich herein sagen konnte, stand er bereits in der Tür und wollte wissen, wann er denn dran kommt. Ich sagte ihm, dass er um zehn Uhr dran sei und dass er draußen warten solle, bis ich ihn rufe.

Zwanzig Minuten später stand er wieder in der Türe und wurde grummelig wie ein kleines Kind. Ich sagte ihm erneut, dass er doch bitte draußen warten solle, bis er dran sei, und dass es ja nicht mehr lange dauern werde. Wieder verschwand er wortlos.

Zehn Minuten später stand er erneut im Raum und schrie mich an, ob ich ihn verarschen wolle. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Er langte über den Tisch und versuchte mir eine Backpfeife zu verpassen, schlug aber daneben. Dann packte er den Computer-Monitor, der auf meinen Schreibtisch stand, und warf ihn in die Ecke. Blitzschnell packte er den Schreibtisch, hob ihn in die Höhe und schlug ihn mir auf den Kopf. Ich kippte samt Stuhl hintenüber, und der Schreibtisch lag auf mir drauf.

Meine Kundin, die zunächst geschockt auf dem Stuhl sitzen geblieben war, sprang plötzlich auf und wollte fliehen. Der Herr W. packte sie an den Haaren und zog sie zurück in den Raum. Mit der einen Hand hielt er die Frau an den Haaren fest, mit der anderen packte er meine am Boden abgestellte Aktentasche und schlug sie mir mehrfach auf den Kopf. Dann zog er die Kundin an den Haaren aus dem Zimmer. Ich rappelte mich auf und ging ihnen hinterher.

Ich schrie lautstark um Hilfe und sah, wie der Herr W. die Frau an den Haaren über den Gang zog in Richtung auf ein geöffnetes Fenster zu. Zu diesem Zeitpunkt tauchten mehrere Männer aus den Büros auf, die sofort auf den Mann losgingen. Einer der Männer schlug Herrn W. mit der Faust ins Gesicht, sodass er zu Boden ging. Dort wurde er von den Männern bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten. Als die Polizei nach wenigen Minuten eintraf, hörte ich einen der Beamten rufen: „Das gibt`s doch nicht! Schon wieder dieser Irre, den haben wir doch erst neulich in der Psychiatrie abgeliefert. Der ist ja schon wieder draußen!“

 

DER PSYCHIATER. Nachdem der Patient in unsere Klinik eingeliefert worden war, wurde er mit dem Medikament Haldol intravenös behandelt. Bei Haldol handelt es sich um ein starkes Beruhigungsmittel, das auch antipsychotisch wirkt. Die erste Diagnose lautete auf den Verdacht einer Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis. Dieser Ausgangsverdacht bestätigte sich nicht.

An dem Patienten waren keine Merkmale aufgetaucht, die eine solche Diagnose untermauert hätten. Weder hörte der Patient Stimmen, noch zeigte er Anzeichen eines Verfolgungswahns. Die weiteren Untersuchungen haben dann ergeben, dass der Patient an einem beginnenden Parkinson-Syndrom leidet.

Die Krankheit Parkinson hat aber keinerlei Auswirkung auf die psychische Beschaffenheit des Patienten. In der Folge konnte zwar festgestellt werden, dass der Patient eine dissoziale Persönlichkeitsstruktur aufweist, eine dissoziale Persönlichkeitsstörung konnte jedoch nicht diagnostiziert werden. In anderen Worten ausgedrückt, der Patient ist psychiatrisch betrachtet vollkommen gesund. Er mag auf seine Umwelt sperrig wirken. Desweiteren mag er auch auffallen durch das beginnende Körperzittern infolge seiner Parkinson-Erkrankung, eine psychiatrische Erkrankung muss jedoch ausgeschlossen werden. Aus diesem Grund wurde der Patient nach zehn Tagen aus der geschlossenen Abteilung in die offene überstellt, das heißt dem Patienten war es durchaus möglich, die Klinik zu verlassen und eine weitere Straftat zu begehen. Wir konnten ihn jedenfalls weder psychiatrisch noch juristisch davon abhalten.

Der Patient wurde dann erneut bei uns eingeliefert und nochmals eingehend untersucht mit demselben Ergebnis, der Patient ist psychiatrisch betrachtet nicht krank. Die Frage einer etwaigen verminderten Schuldfähigkeit muss klar verneint werden. Der Patient wurde wiederum in die offene Abteilung überstellt.

Während seines vierwöchigen Aufenthaltes wurde er mit einem Medikament behandelt, das seine Neigung zur Aggression herabsetzen sollte. Schließlich setzte aber der Patient das Medikament eigenmächtig ab. Aufgrund seiner mangelnden Bereitschaft zur Zusammenarbeit wurde er schließlich aus der Klinik nach Hause entlassen.

Die mit dem Patienten durchgeführten Tests ergaben keinerlei psychiatrische oder depressive Symptome. Der Patient verfügt über eine weit überdurchschnittliche Intelligenz. Nach dem Abitur zog er Mitte der 70er Jahre nach Berlin, um dem Wehrdienst zu entgehen. In Berlin begann er ein Studium der Biologie, dass er jedoch nicht abschloss. Auch sonst gelang es ihm nicht, in einem Beruf Fuß zu fassen. Er arbeitete als Gärtner, Straßenkehrer, eine Zeitlang in einem Bestattungsinstitut. Nach seinem Umzug zurück in sein Heimatdorf, arbeitete er auch dort gelegentlich in einer Gärtnerei. Weil er sich aufgrund seiner geringen Einkünfte die Miete für sein Zimmer nicht mehr leisten konnte, zog er als Vierzigjähriger wieder bei seiner Mutter ein. Die ständigen Konflikte führten jedoch dazu, dass der Patient sich wieder eine kleine Wohnung nahm, die er mit Wohn- und Sozialgeld finanzieren konnte. Inzwischen erhält Herr W. aufgrund seiner Erkrankung eine Erwerbsunfähigkeitsrente.

 

DER WÜTERICH. Die gegen mich erhobenen Vorwürfe sind maßlos überzogen. Nach Berlin bin ich nicht in erster Linie gegangen, um dem Wehrdienst zu entgehen, sondern weil ich hier zwei Ladendiebstähle begangen hatte und ich deshalb von den Dorfbewohnern immer schief angeschaut worden bin. Dabei waren das absolute Bagatellsachen. Einmal nahm ich zwei Orangen aus der Auslage vor einem Geschäft, beim zweiten Mal ließ ich eine Tüte Löskaffee mitgehen. Es wurde viel Wind um die Sache gemacht, die absolut harmlos gewesen ist.

Ich habe in meinem ganzen Leben Gewalt nur dann angewendet, wenn ein Akt des bewussten Sadismus gegen mich begangen worden ist. Diese Fälle lassen sich an einer Hand abzählen, und ich bin hier gerne bereit, dem Gericht darüber Auskunft zu geben.

Das erste Mal war vor etwa sieben Jahren. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs. Ein Autofahrer, der gerade seinen Wagen am Straßenrand abgestellt hatte, öffnete plötzlich und ohne sich umzusehen die Tür. Ich konnte nicht mehr bremsen und fuhr dagegen. Anstatt sich der Mann für die lebensgefährliche Falle, die er mir gestellt hatte, entschuldigte, stieß er wilde Flüche gegen mich aus und schrie, dass ich ihm den Schaden an seiner Türe ersetzen sollte. Da habe ich diesem unverschämten Kerl eine gelangt, habe die Autotüre zugeschlagen und mit dem Fuß ein paar Mal dagegen getreten. Dann habe ich mich aufs Fahrrad gesetzt und bin davongefahren. Als Radfahrer ist man gegenüber den Autofahrern sowieso in der schlechteren Position.

Das war auch beim zweiten Mal der Fall, als mich ein Lieferwagen überholte und mich fast vom Rad geschmissen hätte. Er musste vor mir anhalten, weil die Ampel rot war. Also bin ich zu ihm hingesprungen und habe an der Scheibe geklopft. Ich wollte den Fahrer zur Rede stellen, aber der fragte nur, ob ich einen Vogel habe – diese Arroganz ist ganz typisch für Autofahrer. Bevor er Gas geben konnte, habe ich ihm ins Gesicht gespuckt. Das muss jetzt vier oder fünf Jahre her sein.

Auch an das dritte Mal, wo ich Gewalt einsetzen musste, erinnere ich mich noch ganz genau. Es ist kaum zwölf Monate her. Ich war als Fußgänger unterwegs, als mich ein Mann von hinten anrempelte und sich noch nicht mal dafür entschuldigte. Ich packte den unverschämten Mann am Ärmel und stellte ihn zur Rede. Er fing gleich an ausfällig zu werden. Daraufhin habe ich ihn zweimal mit der Faust ins Gesicht geschlagen, sodass er zu Boden ging.

Für keine dieser Taten wurde ich gerichtlich belangt. Ich bin ja auch im Recht gewesen, und habe ja nur die Arbeit gemacht, die eigentlich die Polizei hätte machen müssen. Es ist mir völlig unverständlich, warum man mich jetzt wegen dieser Bagatellen vor Gericht zieht.

Im ersten Fall gebe ich jedoch zu, dass das kleine Mädchen meine Brille nicht genommen hat. Ich habe sie später im Futter meines Winterkittels wiedergefunden. Aber das konnte ich ja schließlich nicht wissen. Ich musste die Spur, die ganz eindeutig zum Nachbarn geführt hat, ja verfolgen.

Als ich mich bei dem Ehepaar nach dem Verbleib meiner Brille erkundigen wollte und den Verdacht äußerte, dass das kleine Mädchen die Brille genommen hatte, wurden die beiden gleich unverschämt. Sie haben einem drei oder vier Jahre alten Kind mehr geglaubt, als einem vernünftigen erwachsenen Mann. Die Axt war übrigens keine Axt, sondern ein kleines Beil.

Ich hatte zuvor mehrfach an die Türe geklopft, weil ich mich mit meinen eigenen Augen vergewissern wollte, ob die Brille nicht doch in der Wohnung zu finden ist. Auf mein Klopfen und Rufen wurde jedoch überhaupt nicht reagiert. Erst dann musste ich das Beil zum Einsatz bringen. Wie sonst hätte ich mir Zugang zur Wohnung verschaffen können?

Nachdem ich mich in der Wohnung umgesehen hatte, war ich mir sicher, dass die Brille dort nicht ist. Danach habe ich mich ja auch umgehend zurückgezogen. Ich gebe zu, dass ich das Fahrrad in die Wohnung geschmissen habe, aber nur deshalb, weil mich das Ehepaar zuvor durch sein unhöfliches und unkooperatives Verhalten in Rage gebracht hat.

Ich bin dann in meine Wohnung gegangen und habe den Blumenkohl geholt, den mir meine Mutter mitgebracht hatte, obwohl sie wusste, dass ich Blumenkohl hasse wie die Pest. Aus diesem Grund und aus keinem anderen habe ich den Blumenkohl in die Wohnung des Nachbarn geworfen.

Anschließend habe ich in meiner Wohnung eine Schallplatte aufgelegt und bin ins Badezimmer gegangen, weil ich duschen wollte. Auf einmal klopfte es an der Tür. Ich bekam es ganz ehrlich mit der Angst zu tun. Da wurde irgendetwas von „Polizei“ gerufen. Aber ich habe selbstverständlich nicht aufgemacht. Man weiß ja, wie viel Gesindel sich draußen auf der Straße herumtreibt. Auf einmal flog die ganze Tür ins Badezimmer, und ich war von lauter Polizisten umringt. Ich hatte die Hände an der Hose, weil ich mich gerade ausziehen wollte. Da wurde gerufen „Hände hoch!“. Ich ließ aber die Hände da, wo sie waren und zuckte nicht mal mit der Wimper. Ich wusste, wenn Du dich jetzt bewegst, schießen sie dich tot.

Plötzlich hat einer der Polizisten mit einem Haarspray oder so etwas herumgesprüht, wie wenn er nicht mehr ganz dicht gewesen wäre. Sechs oder mehr Leute stürzten sich auf mich. Ich leistete bewusst keinen Widerstand. Wenn man aber angegriffen wird, wehrt man sich ja instinktiv, dafür kann man ja nichts. Es war keine Absicht. Wie ein Vieh haben die mich behandelt, diese Scheißbullen und Halbidioten. Der Gipfel war, als sie mich in die Psychiatrie hineingeschoben haben, als ob ich ein Irrer wäre, der nicht mal weiß, was er sagt.

Sie gaben mir Medikamente, mit denen die ganze Welt komisch wurde. Ich nahm alles nur noch wie durch einen Schleier wahr. Als ich wieder einigermaßen klar bei Sinnen war, ist mir eingefallen, dass mir das Arbeitsamt bei meinem letzten Besuch einen Termin aufgegeben hatte.

Mit dem Rad fuhr ich zur Krankenkasse, wo ich einen Termin bei Frau A. hatte. Ich bin in meinem ganzen Leben noch nirgends zu spät gekommen. Und ich war auch diesmal pünktlich. Weil sich nichts tat, klopfte ich an. Frau A. bat mich herein, ich solle noch eine Weile warten. O.K., dann bin ich halt wieder rausgegangen und habe gewartet.

Als ich genug da herumgesessen hatte, bin ich nochmal reingegangen, wieder wurde mir gesagt, ich solle warten. Also gut, dann bin ich halt wieder rausgegangen und habe wieder gewartet. Nach einer Weile musste ich davon ausgehen, dass Frau A im Begriff war, einen Akt des bewussten Sadismus gegen mich zu begehen, weil sie mich grundlos so lange warten ließ. Also ging ich in das Zimmer hinein und fragte die Frau höflich, ob sie mich verarschen wolle. Sie schüttelte nur den Kopf und tat so, als ob sie von nichts eine Ahnung hätte.

Was dann im Einzelnen genau passierte, daran kann ich mich nicht erinnern. Fest steht, dass ich die alte Fotze an den Haaren griff, als sie sich aus dem Staub machen wollte. Ich rief laut: „Hiergeblieben, niemand verlässt den Raum, bis das Ganze nicht aufgeklärt ist.“ Die Frau ist dann trotzdem aus dem Zimmer rausgegangen. Da ich sie immer noch an den Haaren hatte, zog sie mich hinterher. Auf dem Flur sah ich ein offenes Fenster, da dachte ich: prima, da schmeiß ich die alte Hexe jetzt raus. Aber dazu ist es ja gar nicht gekommen. Ich wurde von mehreren Männern zu Boden geschlagen und verprügelt. Ich war also das Opfer. Und wurden diese Männer je wegen irgendetwas angeklagt? Nie und nimmer. Aber es gibt auch eine Gerechtigkeit in diesem Land; es gibt auch die Menschenwürde.

Es ist richtig, dass ich im Irrenhaus wieder ein Medikament bekommen habe. Aber dieses Verblödungsmittel wollte ich nie einnehmen. Ich bin ganz blöd geworden von dem Zeug. Die wollten mich bewusst verdummen. Aber nicht mit mir. Ich bin ein Mensch und kein Versuchskaninchen.

 

DAS GERICHT.  Im Namen des Volkes ergeht das folgende Urteil: Der Angeklagte wird wegen gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit Beleidigung, in Tateinheit mit Hausfriedensbruch zu einer Freiheitsstrafe von vierzehn Monaten verurteilt. Die Freiheitsstrafe wird nicht zur Bewährung ausgesetzt.

Ich konnte beim Angeklagten keinerlei mildernde Umstände ausmachen. Er zeigte sich uneinsichtig, von Reue keine Spur. Im Gegenteil, bezichtigte er sich selbst noch Straftaten, wegen denen er gar nicht angeklagt gewesen ist. Das könnte sich aber sehr schnell ändern.

Er kündigte im Gerichtssaal sogar an, weitere Straftaten begehen zu wollen, wenn jemand, wie er sich ausdrückte, „einen Akt des bewussten Sadismus“ gegen ihn begeht. Was denkt er sich eigentlich dabei? Denkt er sich, dass wir einen solchen Mann einfach auf der Straße herumlaufen lassen können? Er ist eine Gefahr für die Allgemeinheit. Wann immer ihm einer quer kommt, und er sich vermeintlich im Recht wähnt, setzt irgendetwas bei ihm aus. Was denkt er eigentlich, wie das weitergehen soll?

Wir haben den Psychiater gehört. Beim Angeklagten liegt eine dissoziale Persönlichkeitsstruktur vor, eine dissoziale Persönlichkeitsstörung oder eine psychische Krankheit konnte aber nicht festgestellt werden. Er ist in anderen Worten für seine Taten voll verantwortlich. Eine verminderte Schuldfähigkeit konnte als mildernder Umstand nicht in Betracht gezogen werden.

Der Angeklagte wurde aufgrund seiner Aggressionen medikamentös behandelt, brach diese Therapie aber von sich aus und mit fadenscheinigen Gründen ab. Eine günstige Sozialprognose ist hier beim besten Willen nicht auszustellen. So hart es klingen mag, ich habe keine andere Möglichkeit, als ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Wenigsten für vierzehn Monate kann er auf niemanden mehr losgehen. Die Sitzung ist geschlossen.